Fabian Burstein ist einer meiner Twitter-Kontakte; er bewarb sein Buch als ersten Facebook-Roman. Ich wurde neugierig, kontaktierte ihn und beschloss, das Buch im me-magazine vorzustellen:
Statusmeldung
von Fabian Burstein
Kurzbeschreibung:
Julian Kippendorf existiert eigentlich nur als digitales Pseudonym in Social Networks. Fernab von Verbindlichkeiten, Erwartungen, Regeln. Und vor allem: Fernab von seiner gescheiterten Liebe Leila. Doch dann trifft er eine folgenschwere Entscheidung: Er offenbart seine wahre Identität. Mit einem Schlag wird alles nachvollziehbar. Und plötzlich tauchen die alten Dämonen wieder auf, als Comments, Replys, Chat-Kontakte. Während die Realität nach und nach in seinen virtuellen Kokon eindringt und mit bösen Überraschungen aufwartet, sucht Julian nach einem rettenden Anker und glaubt ihn in Johanna alias »Einsamesherz« gefunden zu haben.
Ich führte mit Fabian ein Interview via Email:
Stell Dich doch bitte einmal kurz vor.
Ich lebe in Wien, als freischaffender Schriftsteller, Journalist, Filmemacher und Grabredner. Gemeinsam mit zwei Kollegen betreibe ich auch den Digital-Verlag mcpublish (www.mcpublish.com), der sich auf Erstveröffentlichungen in Hörbuch- und ebook-Form spezialisiert hat. Ein, für mich, immer wichtigeres Betätigungsfeld ist meine Band cadiz, bei der ich Songwriter und Gitarrist bin. In Österreich kennt man mich vor allem wegen meiner Biografie über den exzentrischen New Wave-Sänger Hansi Lang und wegen dem Arthouse-Doku-Drama „Porno Unplugged“, bei dem ich das Drehbuch geschrieben und Regie geführt habe. „Porno Unplugged“ war 2009 ein ziemlicher Überraschungserfolg mit großem medialem Echo.
Wie kommt es, dass du einen Roman geschrieben hast?
Ich bin schon länger im Verlagswesen unterwegs und habe schon mehrere Bücher veröffentlicht – da war mein Roman-Debüt eigentlich eine logische Konsequenz. Ich wurde immer wieder gefragt, wann es denn soweit ist, und irgendwann hatte ich dann eine Geschichte, die ich unbedingt erzählen wollte … so ist „Statusmeldung“ entstanden.
Es gibt Menschen, die behaupten, man hätte als Autor erst etwas zu erzählen, wenn man älter und lebenserfahrener ist. Nun bist du ja eher jung. Was würdest du denen sagen?
Ich bin eigentlich noch nie mit diesen Bedenken konfrontiert worden … das liegt vielleicht auch daran, weil die österreichische Kulturszene die meisten Stationen meiner Vita kennt. Ich bin ja Grabredner, habe die Geschichte des exzessiven Grenzgängers Hansi Lang erzählt, habe zwei Jahren mit Protagonisten der österreichischen Porno-Industrie verbracht und erst unlängst meinen neuen Film „An der Schwelle“ über eine Intensivstation abgedreht … ich denke, dass ich unabhängig vom Alter einiges zu erzählen habe!
Können ältere oder Web 2.0 unerfahrene Menschen deinen Roman verstehen?
Ich denke schon, weil „Statusmeldung“ zwar in der Wahl der Ausdrucksformen etwas ungewöhnlich ist, aber de facto eine existenzielle und vor allem universelle Geschichte über Liebe, Vereinsamung, Entfremdung und Vertrauenskrisen erzählt. Natürlich werden es facebook-User leichter haben … aber ich glaube, dass man schlussendlich sehr schnell in die Geschichte hineinfindet. Vielleicht ist dieser Roman sogar eine Einstiegsdroge … man kann sich über altbekannte zwischenmenschliche Phänomene und ein klassisches Medium wie das Buch in eine neue Welt vortasten. Insofern reduziert „Statsumeldung“ sogar Schwellenängste.
Wie entwickelte sich die Idee zu deinem Roman?
Da sind mehrere Faktoren zusammengekommen: Zum einen überlege ich mir immer, wie ich ein Publikum finden und gleichzeitig etwas noch nie Dagewesenes erschaffen kann. Die Klammer „1. Facebook Roman der Welt“ war da natürlich ein idealer Anspruch, der sich für mich deshalb aufgedrängt hat, weil ich in der Zeit, als ich mit dem Buch angefangen habe, gerade die Mechanismen und Phänomene der sozialen Netzwerke kennengelernt habe … die Ambivalenz zwischen totaler Vernetzung und zwischenmenschlicher Irrelevanz hat mich inspiriert und angetrieben.
Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Dir und der Hauptfigur Deines Romans?
Eigentlich nicht. Julian Kippendorf und ich haben sehr wenige Schnittmengen. Natürlich kann man seine Romanfigur nicht ganz von sich selber abspalten, weil sie ja auch der eigenen, höchstpersönlichen Fantasie entsprungen ist – aber „Statusmeldung“ ist definitiv kein autobiografischer Stoff.
Gibt es einen Lieblingsautor für dich?
Lieblingsautoren weniger … ich habe eher Lieblingswerke. „Der Zementgarten“ von Ian McEwan, „Generation X“ von Douglas Coupland , „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Kundera, „Der Richter und sein Henker“ von Dürrenmatt, auch „Soloalbum“ von Benjamin von Stuckrad-Barre … um ein paar Werke zu nennen. Mich haben immer abgründige Geschichten fasziniert – vor diesem Hintergrund ist auch „Statusmeldung“ entstanden.
Wird es einen weiteren Roman von Dir geben?
Davon gehe ich sehr stark aus … das ist definitiv das Genre, in dem ich meine publizistische Zukunft sehe.
Könntest Du ohne das Schreiben leben?
Schwierige Frage … ich fände es ein bisschen affektiert, wenn ich diese Frage mit „Nein“ beantworte. Ich würde es eher so formulieren: Ich wäre ein unglücklicherer Mensch, ohne das Schreiben. Das gilt aber für alle künstlerischen Ausdrucksformen, die ich nutze … für Film, für meine verlegerischen Ambitionen, natürlich auch für die Musik. Mir geht es in erster Linie darum, mich artikulieren zu können und damit ein Publikum zu erreichen. Schreiben ist dafür ein wichtiger Weg, aber nicht der einzige.
Was ist Wirklichkeit für Dich und inwieweit beeinflusste dein Wirklichkeitsbild Deinen Roman?
Was für meinen Wirklichkeitsbegriff und damit auch für den Wirklichkeitsbegriff von „Statusmeldung“ die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis ist: dass es für mich keine Trennlinie zwischen „virtueller“ und „realer“ Welt gibt. Die so genannte Virtualität ist längst ein integraler Bestandteil der Realität, der sich in puncto Wirkung, Macht, Verbindlichkeit, Konsequenzen und vieler anderer Facetten nicht abspalten lässt. Genau das scheint aber das Gros der Menschen zu glauben: Dass sie ihr facebook-Ich und ihr physisches Ich strikt voneinander trennen können … dass Nacktfotos vom letzten Saufgelage niemals bis zum Arbeitsplatz vordringen können. Mit genau solchen verhängnisvollen Missverständnissen räumt Julian Kippendorf, die Hauptfigur von „Statusmeldung“, auf drastische Weise auf…
Vielen Dank für das Interview.