Ich lernte den Autor Ronald Hard via Twitter kennen. Ich schaute mir seine Texte an und sie gefielen mir auf Anhieb. Daraus entwickelte sich die Idee, ihn im me-magazine vorzustellen und ein Interview mit ihm zu führen.
Zuerst will ich etwas über seine Gedichte schreiben, die für mich einen ganz eigenen Reiz in ihrer Schlichtheit besitzen. Sie sind schnörkellos und direkt, doch niemals ohne Poesie und eine gewisse Wehmut; es sind ohne Frage männliche Gedichte. Superlative haben in der Lyrik nichts zu suchen, auch nicht in der Beschreibung von Lyrik, deshalb möchte ich allen ans Herz legen, sie selbst zu lesen.
3. Stock, Appartement 6
Dritter Stock
Appartement 6
Eine Klingel
Kein Name
Im Halbdunkel die Frau
Mitte fünfzig
in billigen Dessous
mit schlaffem Arsch
und hängenden Brüsten
Radiomusik
Geruch von Massageöl
und kaltem Zigarettenrauch
Das Bett
Ein Badetuch
Kondome und Papiertücher
griffbereit
Berührungen
Deine Kleider kannst du auf den Stuhl
Was magst du
Blasen
Sie macht es ohne Gummi
Für 30 Euro
(Quelle: Ron Hard)
Zu empfehlen ist auch Ronald Hards Blog Notes of the old man behind the window, in das er seine Kurzgeschichten einstellt.
Möchtest du etwas über deine Person erzählen?
Ich bin 62, seit 38 Jahren verheiratet, 3 Kinder im Erwachsenenalter, davon ein gemeinsames. Die meiste Zeit meines Lebens war ich selbständig.
Nach der Pleite in 2008 stürzte ich wirtschaftlich ab und bezog HartzIV. Heute bin ich freiberuflich als Autor und Dozent tätig und berate darüber hinaus Existenzgründer, die aus der Arbeitslosigkeit gründen.
Zeit meines Lebens habe ich immer geschrieben. Meist jedoch für die Schublade und bei diversen Umzügen (ich glaube es waren 18!) ist das meiste dann auch abhanden gekommen.
Mein Lebenslauf an sich war, gelinde ausgedrückt, immer recht problematisch. Meiner Meinung nach habe ich dennoch zwei Dinge richtig gemacht: Meine Frau zu heiraten und jetzt angefangen ernsthaft zu schreiben.
Welcher Art sind die Bücher, die du schreibst?
Buch 1 „Jumpin’ high!“ (Roman) erzählt die Geschichte eines Mannes Ende 50, der als Unternehmer gescheitert ist. Nachdem auch seine Versuche, wieder auf die Beine zu kommen, scheitern, beschließt er, sich damit abzufinden und sich in der Situation einzurichten. Er hat keinerlei Ehrgeiz und Ambitionen mehr, will seine Ruhe haben. Doch immer wieder holt ihn seine Vergangenheit ein und er wird in neue Dramen verstrickt.
Buch 2 „Life sucks“ ist eine Sammlung von Erzählungen und Poemen.
Die Titel sind übrigens so genannte Arbeitstitel und ich weiß nicht, ob die Bücher mit diesen Titeln erscheinen werden.
Warum schreibst du? Was treibt dich an?
In meinem twitter-Profil steht: Auf der Suche nach dem Bluebird schreibe ich, um nicht schon zu Lebzeiten tot zu sein.
Will heißen, ich schreibe in erster Linie für mich. Um die Dinge so zu erkennen, wie sie sind. Um mein Leben so zu sehen, wie es ist, um mich so zu sehen, wie ich bin. Und dies ohne die überflüssige und lästige Frage nach dem “Warum”, die sich Philosophen seit Jahrtausenden stellen, die Menschheit aber noch keinen Schritt weiter gebracht hat. Im Grunde genommen ist nichts in Ordnung. Die Welt nicht, das Leben nicht und wir Menschen schon lange nicht. Darüber schreibe ich.
Ich schreibe um das Drama des Lebens in all seinen Facetten zu begreifen und dar zu stellen. Dabei geht es mir nicht um die großen Ereignisse, die Geschichte machen, sondern um die alltäglichen Dramen, wie sie uns allen in unserem Leben begegnen. Meine Stories spielen nicht in der Welt der Reichen und Schönen, sondern in der Welt, in der ich lebe.
Ich bin ein einfacher Mensch mit einfachen Gedanken und schreibe mit einfachen Worten in einfachen Sätzen um einfach verstanden zu werden. Ich schreibe also nicht für Kritiker, sondern für jene, die sich in meinen Gedichten, Erzählungen und Romanen wieder finden.
Für die Menschen, denen ich täglich auf der Straße begegne. Für die Menschen, die ich täglich eilen und hasten sehe, weil sie eine Aufgabe zu erfüllen haben, weil sie tun müssen, was man von ihnen verlangt.
Auch für die, die sich verloren fühlen in einer Welt, die sie nicht mehr verstehen, die nicht in Ordnung ist.
Und für die, die ausgepresst und leer gesogen auf der Müllhalde der Gesellschaft entsorgt wurden. Nicht zuletzt für jene, die in ihrer Resignation ihren Glauben verloren haben, den Glauben an das Gute, an eine neue Chance.
Hast du ein Ziel? Künstlerisch oder persönlich?
Hauptziel: Ich will mit meiner Schreibe die Menschen erreichen, die mich verstehen
Wie stark ist dein Schreiben autobiographisch geprägt?
Was ich schreibe ist sicher stark autobiografisch gefärbt. Auch wenn die Handlungen in den Stories und Romanen weitgehend Fiktion sind, steckt viel davon drin, was ich erlebt und erfahren habe.
Leo Sachs, der Protagonist in „Jumpin’ high!“ führt einen ganz anderen Lebensstil als ich, und doch ist so viel von mir in ihm angelegt. Manchmal überkommt mich beim Schreiben der Gedanke, dass ich irgendwelche Wünsche auf ihn projiziere. Das ist wohl auch so.
Dein Faible für Charles Bukowski ist unverkennbar, inwieweit ist er Vorbild für dich, worin unterscheidest du dich?
In jungen Jahren beeindruckten mich B. Traven, Jack London usw. Später, so Anfang 20 las ich Simmel. Mitte 20 war Hemingway mein Held und wohl auch der erste Autor, der mich stärker beeinflusst hat. Weiter ginge s dann mit Walser, Thomas Mann, Siegfried Lenz, Grass ja verdammt, die ganzen Klassiker halt.
Und irgendwann schlich sich Bukowski in mein Leben. „Fuck machine“ war das erste was ich von ihm las. Ich bekam es von einer Freundin. Dann wollte ich mehr von ihm lesen. Und vergaß ihn wieder.
Erst vor ein paar Jahren wurde ich auf seine Tagebuchaufzeichnungen aufmerksam, begann alles noch mal von vorne zu lesen, begann ihn zu verstehen und zu lieben.
Ja, Hank hat mich beeinflusst und tut es heute noch.
Er ist für mich insofern Vorbild, wie er mich lehrt wahrhaftig zu schreiben, die Dinge beim Namen zu nennen, die Welt zu entlarven wie sie wirklich ist und nicht wie sie vorgibt zu sein.
Natürlich gibt es einen großen Unterschied. Ich führe und führte nicht das Leben von Bukowski.
Ich schreibe von einer anderen Warte. Nicht von einer höheren, von einer anderen. Von der Warte meines Lebens. Der größte Fehler wäre zu versuchen, ihn zu imitieren.
Auch bin ich kein Trinker (auch meine Protagonisten nicht), obwohl ich gerne meinen Wodka, mein Bier meinen Wein trinke. Aber ich tue es nicht, um mich zu betrinken. Manchmal als Inspirationsbeschleuniger.
Charles Bukowski sagte von Fante: „John Fante war mein Gott!“
Ich sage: „Charles Bukowski hat mir den Weg zu mir gezeigt.“
Jürgen Fiege
1 year ago
Charles Bukowski. Gefragt nach seinem Beruf antwortete er: “Ich bin Schriftsteller”. “Oh. Was schreiben Sie?” “Schwer zu sagen. Jedesmal was anderes.” …
Das ist es, was uns an den Texten von Ron Hard fasziniert. Sie sind Anderes. Ehrliche Texte erlauben uns an Erfahrungen teilzuhaben.
Peter Reuter
1 year ago
Bei dem Schreiben von dem Ron wir ganz schnell klar, hier schreibt einer das Leben, weil das Leben ihn geschrieben hat. Der Facetten sind es viele. An den Texten schätze ich, dass er uns bei den meisten zumindest die Möglichkeit der Hoffnung gibt – weil er nicht aufgibt.
Ron ist ein guter Schreiber, weil er ein ehrlicher Schreiber ist.
MissGlueckTwit
1 year ago
Ich hab eben die Kolumne von Sybille Berg im Spiegel Online gelesen. Sie stellt u.a. dort die Frage, wo die Philosophen geblieben sind, in unserem saturierten, vor Glückseligkeit powershoppenden Wohlstands-Deutschland. Manchmal findet man einen von ihnen, wenn man gar nicht danach sucht: Ron Hard ☆
Morgaine620
1 year ago
Ron nennt die Dinge beim Namen wie sie sind wie viele sie fuehlen. Damit gibt er ihnen Hoffnung denn sie sind nicht allein damit. Danke Dir Ron!
Mic Ruby
1 year ago
Ron Hard fiel mir bei Twitter sofort auf, weil er anders ist, er traut sich was, er sagt es direkt, ohne Umschweife. Ich denke er ist einer der großen, die noch unterschätzt werden. Er ist unbedingt ein Original, einer der große Freunde verdient, weil er selbst ein grosser ist. Hört ihm einfach zu, auf Twitter unter Ron_Hard #verneig