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Anonymous – Internet-Robin Hoods oder Chaoten?

November 10, 2011 @ 2 Comments
Anonymous – Internet-Robin Hoods oder Chaoten?

Anonymous wäre ohne das Internet nicht denkbar und ist auch nur wegen ihm entstanden. Die genaue Entstehungsgeschichte lässt sich nur schwer nachvollziehen, doch sicher ist, dass sogenannte Imageboards eine entscheidende Rolle spielten. Ein Imageboard ist ein Bulletin Board System (BBS) im Internet, über das hauptsächlich Bilder oder kleinere Binärdateien ausgetauscht werden. Über diese wird dann diskutiert. Dabei ist das BBS in bestimmte Kategorien, sogenannte Boards, eingeteilt, deren Themen von allgemeinen bis zu sehr speziellen reichen.

Das Imageboard ist also eine Art von Diskussionsforum. Doch in einigen Punkten unterscheidet es sich von Foren. Im Regelfall sind die Nutzer dieser Imageboards anonym. Unregistrierte Nutzer können ihre Beiträge unter dem Pseudonym „Anonymous“ einstellen; wahrscheinlich wurde der Name des Kollektivs davon abgeleitet.

Eine große Rolle spielt die Graphic Novel V wie Vendetta des Autors Alan Moore und des Zeichners David Lloyd. Die Geschichte des Comics spielt in einer imaginären Zukunft der neunziger Jahre in einem despotischen Vereinigten Königreich. Die Hauptfigur der Geschichte ist ein maskierter Held, ein Revolutionär, der sich selbst „V” nennt. Seine Aufgabe ist es, die britische totalitäre Regierung zu zerstören.

V ist ein anarchistischer Revolutionär, der für eine freie Gesellschaft kämpft. Er anonymisiert sich, indem er eine Maske Guy Fawkes trägt. Guy Fawkes war ein englischer katholischer Offizier, der am 5. November 1605 ein Attentat auf den englischen König Jakob I. versuchte.

Aufgrund der Verfolgung, der Angehörige der katholischen Kirche ausgesetzt waren, versuchte Fawkes das englische Parlament im Palast von Westminster in London in die Luft zu sprengen. Er plante das Attentat minutiös, er mietete sogar im Keller des Gebäudes einen Lagerraum, in dem  er 36 Fässer mit mehr als zwei Tonnen Schwarzpulver deponierte (daher auch die englische Bezeichnung „Gunpowder Plot“ für das Attentat). Fawkes plante, mit dem Anschlag am Tag der Parlamentseröffnung im House of Lords König Jakob I. samt Familie, alle Parlamentsmitglieder, alle Bischöfe des Landes und den Großteil des Hochadels zu töten sowie anschließend einige politische Gefangene aus dem Tower von London zu befreien.

Einer der Mitverschwörer schrieb einen Warnbrief an Lord Monteagle, so wurde das Attentat vereitelt und Guy Fawkes und seine Mitverschwörer hingerichtet. Seitdem wird das Beinah-Attentat jedes Jahr am 5. November unter dem Namen „Bonfire Night“ gefeiert. Auch hat sich das Beinah-Attentat tief in das britische kollektive Gedächtnis gebrannt, deshalb wird die jährliche Parlamentseröffnung traditionell mit der Inspektion der Kellergewölbe unterhalb des House of Lords durch den Regenten, heute Queen Elisabeth II, begangen.

Die von Lloyd kreierte Guy-Fawkes-Maske wurde das Symbol des Internetkollektivs Anonymous und später der Occupy-Wall-Street-Bewegung.  Wie man sieht, sind die Anfänge von Anonymous wildromantisch und verstärken den Nimbus der selbsternannten Internet-Robin-Hoods. Doch sind sie das wirklich? Oder sind sie ein Haufen von Internet-Chaoten, die maßlos überschätzt werden, eine Horde Teenies, die Revolution spielen?

Welches sind die Ziele von Anonymous? Die weitgesteckten Ziele für Freiheit und gegen Zensur sind noch relativ jung, ursprünglich zielte die Bewegung hauptsächlich auf das Verbot der Church of Scientology und deren Praktiken und Institutionen.  Dabei ging es Anonymous nicht um die spezielle Religion, sondern nur um die unlauteren Methoden der Sekte. Die Bestimmung der Ziele des Anonymous-Kollektivs ist sehr schwer, da die Struktur hierarchielos ist und das Kollektiv aus einzelnen Gruppen und Einzelpersonen besteht. Das macht es für eine Einordnung und Standortbestimmung von außen so schwer.

Kritiker behaupten, dass das Kollektiv Anonymous nicht wirklich gefährlich sei, dass sich der technische Sachverstand der Mitglieder in Grenzen hält. Anonymous käme nur an die Informationen heran, die einen schlechten Sicherheitsgrundschutz haben. Alle Webseiten, die schlampig programmiert seien, von denen es leider eine Menge gibt, seien gefährdet, doch wirklich sicherheitsrelevante Dinge wie das Kraftwerke in die Luft fliegen könnten, müssen nicht befürchtet werden.

Auch die Ziele und die Ideologie von Anonymous sind diffus und wenig ausformuliert. Alles soll frei sein und ein bisschen anarchistisch; sie sind für Anonymität im Internet, gegen Überwachung und für Menschenrechte. Die amerikanischen „Anonymousses“ sollen sich von den europäischen unterscheiden; in Amerika sind die Anonymous-Aktivisten mehr anarchistisch-neoliberal, während in Europa die Linksliberalen in der Überzahl sind. Die Ideologie und die Ziele von Anonymous beschränken sich im Großen und Ganzen auf ein paar Schlagworte, tiefer geht die Diskussion nicht.

Man konnte es im Falle des Norwegischen Attentäters Breivik sehen: Eigentlich ist das Kollektiv dafür, die Freiheit der Information um jeden Preis und in jeder Version zu verteidigen. Plötzlich aber wurde zwischen guter und schlechter Information unterschieden; also trat man eine Aktion los, Breiviks Manifest im Internet zu zerstören. Ideologisch ist das sehr unausgereift und passt zu der These, dass das Kollektiv hauptsächlich aus selbstgerechten Teenies besteht, die im Internet den Aufstand proben.

Dass Anonymous dem mexikanischem Drogenkartell „Los Zetas“ drohte, wird von manchen als „Räuberpistole“ abgetan, mit der das Kollektiv nur mehr mediale Aufmerksamkeit erheischen wollte.  Die Geschichte begann laut Anonymous Anfang Oktober im Bundesstaat Veracruz. Während einer Protestaktion wurde ein Mitglied des Hackerkollektivs entführt. Das Drogenkartell „Los Zetas“ war für die Entführung verantwortlich. Die „Zetas“ sind die gewaltbereiteste paramilitärische Gruppe in Mexiko und rekrutieren sich aus ehemaligen Angehörigen einer Spezialeinheit der Streitkräfte Guatemalas. Im mexikanischen Drogenkrieg spielen sie eine zentrale Rolle.

Anonymous ließ sich nicht abschrecken und schickte dem gefährlichen Drogenkartell eine Warnung per Videobotschaft. „Es war ein großer Fehler von euch, einen von uns zu entführen. Lasst ihn frei!“ lautet die Botschaft von Anonymous und droht gleichzeitig den kaltblütigen Drogenbossen, dass, würde der Entführte nicht bis zum 5. November (man beachte das symbolträchtige Datum) freigelassen, begänne man mit der Demaskierung von Zetas-Mitgliedern und Kollaborateuren.

Man würde die Namen von Polizisten, Politikern, Journalisten und Taxifahrern veröffentlichen, die direkt oder indirekt für das Drogenkartell arbeiten. Anonymous hackte sich auf die Webseite von Gustavo Rosario, einem mexikanischen Juristen und Politiker, der bis zum Jahr 2008 oberster Staatsanwalt des Bundestaates Tabasco war. Dort ersetzte man die Seite durch ein eigenes Werk und bezichtigte ihn der Zeta-Mitgliedschaft. Laut Anonymous hat das Drogenkartell den Gefangenen wieder freigelassen.

Ob sich diese Geschichte tatsächlich so ereignet hat, ist nicht nachprüfbar. Anonymous-Sympathisanten und Befürworter sprechen oft von der „Schwarmintelligenz“ des Kollektivs; kollektives Verhalten von Individuen könne intelligente Verhaltensweisen eines „Superorganismus“, d. h. der sozialen Gemeinschaft, erzeugen. Ob Anonymous als ein solcher Superorganismus angesehen werden kann, ist noch fraglich. Doch es ist auch noch zu früh, zu behaupten, das Kollektiv sei kein „Superorganismus“.

In der Vergangenheit hat Anonymous Wikileaks unterstützt, in dem sie die Server der Kreditkartenfirmen VISA und Mastercard durch DDoS-Attacken zum Zusammenbruch brachten, sie protestierten gegen Scientology und halfen beim schnellen Wiederaufbau der Webseite Kino.to. Gesteuert wird Anonymous von der kollektiven Intelligenz der Teilnehmer, also eines immer größer werdenden Crowd.

Bis heute existieren weder eine Führung oder eine Führungsriege innerhalb des Kollektivs noch eine Mitgliedschaft im administrativen Sinn. Mitmachen kann, wer mitmachen will. Protestiert wird, wenn sich genügend Teilnehmer für einen Protest finden. Informationen werden über bestimmte Webseiten weitergegeben, genauso werden Aktionen geplant und ihre Durchführung organisiert. Dieses Vorgehen hat sich in der Anfangszeit von Anonymous etabliert und als überraschend effektiv erwiesen.

Bei den Attacken auf die Webserver zur Unterstützung von Wikileaks wurde ein Programm ins Internet gestellt, bei welchem man nur den Zielserver angeben musste, dann führte der eigene Rechner andauernd Attacken aus. Die aktuellen Ziele wurden ebenfalls im Internet bekannt gegeben. Zehntausende Menschen weltweit nahmen an der Aktion teil und luden das Programm herunter. Diese Struktur macht Anonymous auch für Behörden zu einem immer größeren Problem: Einerseits haben sie es mit einem Gegner zu tun, der auf riesige Manpower zugreifen kann, andererseits gibt es keine Führungsebene oder Kommandostruktur, die für die (teilweise illegalen) Aktionen verantwortlich gemacht werden könnte.

Zwei Dinge sind hier wichtig: Die neue Macht durch das Kollektiv, dessen Wissen dynamisch ist und zur Disposition gestellt wird und zum anderen die Tatsache, dass der Einzelne zum Machtfaktor wird. Auch die Internet-Enzyklopedie Wikipedia beruht auf der Schwarmintelligenz.

Die Zukunft des Internets wird schon länger diskutiert, doch bisher wurde hauptsächlich die Rolle der Medien thematisiert. Schwarmintelligenz und „Superorganismen“ wurden allenfalls am Rande erwähnt, doch langsam ändert sich das.

Die Proteste und Umbrüche in der arabischen Welt, die Occupy-Wall-Street Bewegung und sogar das Anonymous Kollektiv sind Ausdruck eines tiefgehenden Wandels in der Welt. Allerorten erkennen die Menschen: Der Kaiser ist ja nackt! Dazu trägt auch das Internet bei. Thomas L. Friedman fragt im „International Herald Tribune“, ob dies alles ein Anzeichen des „Big Shift“ (der große Wandel) sei oder ein Anzeichen baldigen Zusammenbruchs.  Möglicherweise ist alles ein großer „Global Flow“ von Ideen, Innovationen und Technologien. Dass das vereinzelt zu Eruptionen führt wie in der arabischen Welt oder zu Auswüchsen (ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich Auswüchse sind) wie bei Anonymous, ist nur verständlich. Wandel bedeutet immer auch Neues und Unausgegorenes, andernfalls wäre es nicht neu. Dass das Anarchistische bei Anonymous schlecht ist, glaube ich nicht. Doch ob es gut wird, wird die Zukunft zeigen. Ob sie mehr sind, als Teenies, die Revolution spielen wollen, müssen sie beweisen. Geben wir dem Kollektiv die Chance.


 

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2 Comments → “Anonymous – Internet-Robin Hoods oder Chaoten?”


  1. nathan

    3 years ago

    Guter Artikel über eine gute Sache. Wohin sich A. entwickelt, bleibt offen. Fakt ist, dass A. bis heute – meiner Kenntnis nach – weder Leben noch Gesundheit anderer Menschen gefährdet hat. Statt dessen hat sich A. für Tranzparenz und Ehrlichkeit eingesetzt. Sehr gut, dass es keine Strukturen aufweist, so ist A. für die Geheimdienste dieser Welt kaum angreifbar und hat echte Chancen gegen die staatliche Übermacht, zumal es in Europa “dank” parlamentarischen Demokratien kaum Einflußchancen gibt (Siehe S 21 – Wasserwerfer und Provokateure gegen friedl. Demonstranten). Ob sie Teenies sind oder nicht ist egal, das Ergebnis zählt.

    Antworten

    • Gabi

      3 years ago

      Ich glaube nicht, dass man bezüglich Anonymous schon von einem Ergebnis sprechen kann. Doch das muss man auch nicht, darauf kommt es nicht an. Der Prozess und die Entwicklung ist wichtig, spannend wird sein, ob das Kollektiv dazu fähig ist.

      Alle jetzigen Phänomene im Internet sind noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, auch die jetzige Form der Demokratie ist es noch nicht. Nähme man aber an, die jetzige Stufe der Entwicklung wäre endgültig, kehrte man fast zu einem vergleichbar “heliozentrischen” Weltbild zurück.

      Fast alle jetzigen “Machthaber” (auch wenn sie demokratisch gewählt wurden) agieren, als wäre die jetzige Stufe der Demokratie das Nonplusultra. Wer hätte vor 30 Jahren jemals geglaubt, dass ich verlegerisch tätig werden könnte? Dass uns me-magazinern das möglich ist, ist auch eine Form der Demokratie. Das Internet bietet mehr Chancen als Risiken und es ist nur folgerichtig, wenn junge Menschen versuchen, mittels dieses Mediums etwas zu verändern.

      Ich bin glücklich, in dieser Zeit des Wandels zu leben und gigantische Umwälzungen zu erfahren. Allein der Fall des Ostblocks und die Wiedervereinigung Deutschlands war ein großer Umbruch und es werden noch weitere folgen. Möglicherweise werden sogenannte “Superorganismen” im Netz daran beteiligt sein.

      Antworten

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